Geschichtsportal »Die Ukraine und Deutschland im 20. Jahrhundert« Історичний портал «Україна і Німеччина у 20-му столітті»

Schlussplädoyer des Nebenklägers Martin Hass (Auszug aus einem im Gerichtssaal verteilten Schriftstück, undatiert)

DAHER [1], Herr Ivan Demjanjuk, indem Sie ANDEREN die FÄLSCHUNG VON BEWEISEN vorwerfen, die belegen, was Ihre Rolle bei der Ermordung von Tausenden war, versuchen Sie selbst EINE FÄLSCHUNG DER GESCHICHTE. Ihre Fälschung arbeitet mit Entstellungen und Verzerrungen, vor allem aber ist sie das Resultat Ihrer eigenen FEIGHEIT. Wir, die Nebenkläger und Opfer in diesem Strafverfahren, wir hatten erwartet, dass der Angeklagte, um der geschichtlichen Wahrheit willen und um sich von der Last zu befreien, die er fast ein ganzes Leben mit sich getragen hat, diesem Gericht, den Opfern und der Welt schildern würde, was er im Vernichtungslager Sobibór gemacht hat, was genau seine Rolle bei den abscheulichen Grausamkeiten war, die an den Tausenden von unschuldigen Menschen begangen wurden, bevor diese den vieltausendfachen Tod starben.

Herr Demjanjuk! Wir hatten erwartet, dass Sie sich bei den vielen ermordeten Opfern und ihren nächsten Angehörigen hier im Gerichtssaal entschuldigen würden und dass Sie erklären würden, wie Sie es zutiefst bereuen, dass Sie an dieser Mordmaschinerie teilgenommen haben, sei es, weil Sie keinen anderen Ausweg wussten, oder sei es aus Überzeugung.

Herr Demjanjuk! Wir hatten gehofft, dass Sie nun, wo Sie über 90 Jahre alt sind, nach einem Leben der Lügen die heroische Entscheidung treffen und Zeugnis ablegen würden, dass Sie vielleicht sogar ein paar Worte dafür finden würden, was die Menschheit tun sollte, damit derartige Verbrechen gegen die Menschlichkeit niemals wieder vorkommen. Was haben wir stattdessen erlebt, Herr Demjanjuk. Sie haben sich entschlossen zu schweigen und auch nicht den Anschein von Reue zu zeigen. Sie sind ein unehrenhafter Mann, dem jegliche Würde fehlt. Selbstverständlich ist es Ihr Recht zu schweigen in diesem Verfahren. Aber Ihr Schweigen, nur unterbrochen durch haltlose Anklagen gegenüber der Staatsanwaltschaft, dem Gericht und sogar den Nebenklägern und durch das Gejammere, was Ihnen die Deutschen in diesem rechtsstaatlichen Strafverfahren zufügten, – dieses Schweigen zeigt mir, dass Sie derselbe verachtenswerte Mann geblieben sind, der ab 1942 mit den anderen Trawniki den Massenmord an den Juden exekutiert hat, der dann auch in Sobibór einer der willigen Helfer der SS geblieben ist, obwohl er die Möglichkeit hatte, zu entkommen.

Herr Demjanjuk! Offenbar können Sie uns, den Nebenklägern und Opfern, nicht in die Augen sehen und allen, die hier in diesem Gericht sind, berichten, was Sie gesehen haben. Aber Ihre Baseballkappe und die Sonnenbrille, die Sie in diesem Gerichtssaal getragen haben, können Sie nicht länger vor den Verbrechen abschirmen, an denen Sie beteiligt waren und zu denen Sie vor diesem Gericht jedes Wort verweigert haben. Ich bin zutiefst und bis zum Grunde meines Herzens überzeugt davon, dass Sie, Herr Demjanjuk, bis auf den heutigen Tag ein rassistischer Schurke sind, ein Verbrecher, der sich den Nazis beim Massenmord zur Verfügung gestellt hat und in Sobibór ein williger Helfer war. Als eines der Opfer Ihrer Taten habe ich mein ganzes Leben ohne meine Eltern und meine Geschwister leben müssen. Sie, Herr Demjanjuk, sind ein aktiver Teil der verbrecherischen Organisation, die meine Familie vernichtet hat. Sie haben persönlich meiner ganzen Familie, und gemeinsam mit all den anderen Mordgesellen in den Vernichtungslagern den Kindern, Frauen und Großeltern ein weiteres Leben in den Niederlanden verweigert. Ihr Verhalten beweist, dass meine Angehörigen in Ihren Augen nicht lebenswert, dass sie überflüssig waren. Damit Sie, Herr Demjanjuk, hingegen mit Ihrer eigenen Familie in Ruhe und Hochmut leben konnten, haben Sie die letzten 67 Jahre zu Ihren Taten in abgrundtiefer Feigheit gelogen.

Herr Demjanjuk, J’accuse. Ich klage Sie an, dass Sie ein Feigling sind ohne jegliche Reue, ein williger Henker des SS.

[1] Großschreibung hier und im Folgenden wie im Original.

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Schriftstück im Besitz der Verfasserin.

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